arafat

Jassir Arafat im Porträt

Palästinenserpräsident nimmt Traum vom eigenen Staat mit ins Grab

"Ich werde bald zurück sein, mit Gottes Hilfe." Als Jassir Arafat vor knapp zwei Wochen in Ramallah einen jordanischen Militärhubschrauber bestieg und das Westjordanland verließ, gab er sich noch einmal kämpferisch. Das letzte Bild zeigte den palästinensischen Präsidenten von Krankheit schwer gezeichnet, das eingefallene Gesicht unter einer grauen Mütze. Seine Rückkehr sollte er nicht mehr erleben, den Traum vom Staat Palästina nimmt er nun mit ins Grab. 

Am Donnerstagmorgen starb Arafat im Alter von 75 Jahren in einem Militärkrankenhaus bei Paris.   
 
Die Palästinenser haben mehr als nur ihren Präsidenten verloren. Arafat konnte sich zwar nicht als großer Staatsmann behaupten, aber er war das unzerstörbare Symbol ihres Freiheitskampfes. Auch wenn Israel Arafats Amtssitz in Ramallah belagerte und der Präsident dort die letzten Jahre wie in einem Gefängnis lebte - an seinem beispiellosen, das Volk einenden Status änderte dies nichts. Der politische Einfluss war allerdings dahingeschmolzen. Seine schwindende Kraft vergeudete Arafat zuletzt zur Rettung der eigenen Macht.

In 50er Jahren PLO gegründet

Arafat kam am 4. August 1929 in Kairo als fünftes Kind eines palästinensischen Kaufmanns zur Welt. Er wurde in Kairo und Jerusalem groß. Schon als Halbwüchsiger beteiligte er sich in Palästina an Aktionen gegen die britische Mandatsmacht und militante zionistische Gruppen. In den 50er Jahren gründete er die palästinensische Kampforganisation Fatah, die 1964 in die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) eingegliedert wurde. Fünf Jahre später wählten ihn die PLO-Delegierten zum Vorsitzenden.   
 
Arafat galt früh als Vertreter eines politisch gemäßigten Kurses. Terroraktionen der PLO konnte er jedoch nicht verhindern; den Stallgeruch des Terrorismus ist er nie ganz losgeworden. Dessen ungeachtet gewann Arafat als schillerndster Repräsentant der palästinensischen Befreiungsbewegung internationale Anerkennung. Sein Aufstieg gipfelte in einem spektakulären Auftritt vor der UNO-Vollversammlung im Jahr 1974. Mit Kefije und Halfter für seine Beretta gerüstet, forderte er die Schaffung eines arabisch-jüdischen Bruderstaates.

Legende: Arafat hat neun Leben

Acht Jahre später, am 6. Juni 1982, erlebte der Freiheitskämpfer eine seiner bittersten Stunden: Die israelischen Streitkräfte zwangen ihn zur Flucht aus Beirut, von wo aus er seinen Kampf geführt hatte. 1985 bombardierte Israel dann das PLO-Hauptquartier in Tunis. Den Angriff überlebte Arafat ebenso wie einen Flugzeugabsturz in der libyschen Wüste Anfang der 90er Jahre. Damals verfestigte sich die Legende, Arafat habe neun Leben.   
 
Eine Wende im Nahost-Konflikt leitete er 1988 ein, indem er das Existenzrecht Israels anerkannte und dem Terrorismus abschwor. Die USA akzeptierten die PLO fortan als Verhandlungspartner. 1993 erzielte Arafat seinen größten politischen Erfolg: Für die Unterzeichnung des Autonomievertrages mit dem israelischen Ministerpräsidenten Jizchak Rabin in Oslo wurden beide mit dem Friedensnobelpreis belohnt. Wenig später konnte Arafat triumphierend nach Palästina zurückkehren - nach einem Vierteljahrhundert im Exil. 1996 wählten ihn die Palästinenser zu ihrem ersten Präsidenten.

1991 Assistentin Suha geheiratet

Ein Privatleben im herkömmlichen Sinne führte Arafat nie. Bis in die 90er Jahre ständig auf der Flucht, beendete er erst 1991 sein Junggesellendasein und heiratete in Tunis seine 29 Jahre alte Wirtschaftsberaterin Suha Tawil. Sie schenkte ihm eine Tochter. In den letzten Jahren lebte Arafat wieder alleine. Seinen Amtssitz in Ramallah, die Mukata, beschrieben Besucher als äußerst unwirtlich.  
 
Der Besuch des späteren Barak-Nachfolgers Ariel Scharon auf dem Tempelberg löst die zweite Intifada aus. Ein Jahr später bricht Israel nach zahlreichen Selbstmordattentaten und israelischen Militäraktionen den Kontakt zu Arafat ab. Scharon bezeichnet ihn offiziell als "Feind Israels" und stellt ihn faktisch unter Hausarrest.

Am Ende eine tragische Figur

Arafats Lebenswerk blieb nach Meinung von Beobachtern auch wegen seines fehlenden Mutes unvollendet. So konnte er harte Wahrheiten weder akzeptieren noch vermitteln - etwa die Unmöglichkeit eines Rückkehrrechtes für alle Flüchtlinge nach Israel. Immerfort lächelnd war er zu einem Nein gegenüber seinem Volk ebenso unfähig wie zu Kompromissen mit Israel. Das Gipfeltreffen in Camp David im Juli 2000 scheiterte schließlich am Streit über die Aufteilung Jerusalems. Am Ende war Arafat eine tragische Figur: Vom Vorkämpfer wurde er zum Hindernis auf dem Weg zum palästinensischen Staat.   
 
Weil der "Rais", wie er von seinem Volk respektvoll genannt wurde, keinen Kronprinzen duldete, droht möglicherweise ein offener Machtkampf in den Autonomiegebieten. Allerdings ist die Bevölkerung ausgelaugt und sehnt die Normalisierung herbei. Arafats Tod könnte daher auch zur Beruhigung beitragen: Längst laufen die Vorbereitungen für eine Wahl, aus der PLO-Generalsekretär Mahmud Abbas oder Ministerpräsident Ahmed Kureia als legitimierte und pragmatischere Nachfolger hervorgehen können.

von Tobias Schmidt, AP

Mit Material von dpa, AFP

Quelle:

http://www.heute.t-online.de/ZDFheute/artikel/25/0,1367,POL-0-3609,00.html

 

Er war ein großer Feind

nachruf  VON  URI AVNERY

Jassir Arafat war einer aus der Generation der großen Führer, die nach dem Zweiten Weltkrieg auftraten. Als er Ende der 50er-Jahre auf der weltpolitischen Bühne auftauchte, war sein Volk nahe daran, in Vergessenheit zu geraten. Der Name Palästina war von der Landkarte gelöscht worden. Israel, Jordanien und Ägypten hatten das Land unter sich aufgeteilt. Die Welt hatte sich entschieden, dass es keine palästinensische nationale Entität gibt, dass das palästinensische Volk zu existieren aufgehört hat - falls es überhaupt jemals existiert hat.

Innerhalb der arabischen Welt wurde die "palästinensische Sache" noch erwähnt, aber sie diente nur als Ball, der zwischen arabischen Regierungen hin und her gestoßen wurde. Als Jassir Arafat, damals ein junger Ingenieur in Kuwait, die "palästinensische Befreiungsbewegung" gründete, deren Initialen rückwärts gelesen Fatah ergeben, meinte er zunächst Befreiung von den verschiedenen arabischen Führern, um das palästinensische Volk für sich selbst sprechen und handeln zu lassen. Das war die erste Revolution des Mannes, der während seines Lebens wenigstens drei große Revolutionen in die Wege leitete.

Es war eine gefährliche Revolution. Fatah hatte keine unabhängige Basis. Sie musste in den arabischen Ländern agieren, wo sie oft gnadenlos verfolgt wurde. Jene Jahre prägten Arafats charakteristischen Stil. Er musste zwischen den arabischen Führern manövrieren, spielte sie gegeneinander aus, benutzte Tricks, Halbwahrheiten, doppeldeutiges Gerede, wich Fallen aus und umging Hindernisse. Er wurde Weltmeister der Manipulation.

Mitte der 60er-Jahre begann Jassir Arafat mit seiner zweiten Revolution: mit dem bewaffneten Kampf gegen Israel. Die Anmaßung war fast absurd: eine Hand voll schlecht bewaffneter und deshalb nicht besonders wirksamer Guerillas gegen die mächtige israelische Armee. Aber dieser Kampf brachte die palästinensische Sache auf die Agenda der Welt. Es muss offen eingestanden werden: Ohne die mörderischen Angriffe hätte die Welt dem palästinensischen Ruf nach Freiheit keine Aufmerksamkeit geschenkt.

Für Arafat war der bewaffnete Kampf nur ein Mittel - nicht mehr. Nicht Ideologie, nicht eine Sache per se. Für ihn war klar, dass dieses Instrument das palästinensische Volk stärken und so die Anerkennung der Welt gewinnen, dass es aber nie Israel besiegen würde. Der Jom-Kippur-Krieg 1973 veranlasste in seiner Zielsetzung eine neue Kehrtwende. Er sah, wie die Armeen Ägyptens und Syriens nach einem glänzenden, anfänglich überraschenden Sieg gestoppt und am Ende von der israelischen Armee besiegt wurden. Das überzeugte ihn schließlich, Israel sei nicht durch Waffengewalt zu überwältigen.

Deshalb fing Arafat unmittelbar nach diesem Krieg seine dritte Revolution an: Er entschied, die PLO müsse mit Israel ein Abkommen erreichen und sich mit einem palästinensischen Staat im Westjordanland und im Gaza-Streifen zufrieden geben. Nun war er mit einer historischen Herausforderung konfrontiert. Er musste das palästinensische Volk davon überzeugen, seinen historischen Standpunkt aufzugeben, nämlich die Legitimität des Staates Israel zu leugnen und sich nur mit den restlichen 22 Prozent des Palästinagebietes von vor 1948 zufrieden zu geben.

Daran begann er auf seine ihm eigene Weise zu arbeiten: mit Hartnäckigkeit, Ausdauer und Tricks - zwei Schritte vorwärts, einen zurück. Seit 1974 war ich Zeuge der enormen Bemühungen, die Arafat investierte, um sein Volk dahin zu bringen, diese neuen Wege mitzugehen. Nach und nach wurden sie vom palästinensischen Nationalrat, dem Parlament im Exil, akzeptiert. Zunächst durch eine Resolution, die besagt, eine palästinensische Behörde "in jedem von Israel befreiten Teil Palästinas" aufzubauen und 1988 einen palästinensischen Staat neben Israel zu errichten. Arafats (und Israels) Tragödie bestand darin, dass, sobald er sich einer friedlichen Lösung näherte, die israelische Regierung sich davon zurückzog.

Seine Mindestforderungen waren klar und blieben seit 1974 unverändert dieselben: ein palästinensischer Staat im Westjordanland und im Gaza-Streifen, palästinensische Herrschaft über Ostjerusalem (einschließlich des Tempelberges - aber ohne die Klagemauer und das jüdische Viertel); die Wiederherstellung der Grenzen von 1967 mit der Möglichkeit von begrenztem, aber gleichwertigem Landaustausch; Evakuierung aller israelischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet und die Lösung des Flüchtlingsproblems in Abstimmung mit Israel. Für Palästinenser ist dies das äußerste Minimum.

Kein Befreiungskämpfer hat während des letzten halben Jahrhunderts so ungeheure Hindernisse überwinden müssen wie Arafat. Er war nicht mit einer üblichen gehassten Kolonialmacht konfrontiert oder einer verachteten rassistischen Minderheit, sondern mit einem Staat, der nach dem Holocaust entstand und von der Sympathie und den Schuldgefühlen der Welt unterstützt wurde. In jeder Hinsicht - in militärischer, wirtschaftlicher und technologischer - ist die israelische Gesellschaft der palästinensischen weit überlegen.

Als er dazu aufgerufen wurde, eine palästinensische Behörde aufzubauen, konnte er nicht wie Nelson Mandela oder Fidel Castro einen vorhandenen Staatsapparat übernehmen, sondern nur unzusammenhängende, verarmte Teile des Landes, dessen Infrastruktur durch jahrzehntelange Besatzung zerstört worden war. Er übernahm nicht eine Bevölkerung, die auf ihrem Land lebte, sondern ein Volk, das zur Hälfte aus Flüchtlingen besteht und in vielenLändern zerstreut ist. Die andere Hälfte war entlang politischen, wirtschaftlichen und religiösen Linien zerrissen. All dies, während der Befreiungskampf weiterging. Es ist Jassir Arafats historisches Verdienst, alle Teile zusammengehalten und unter diesen Bedingungen nach und nach zu seinem Ziel geführt zu haben.

Israel hat einen großen Feind verloren, der ein großer Partner und Verbündeter hätte werden können. Mit den Jahren wird seine Gestalt im historischen Gedächtnis immer mehr wachsen. Was mich betrifft: Ich achte ihn als palästinensischen Patrioten; ich bewundere ihn für seinen Mut; ich verstehe die Bedingungen, unter denen er arbeiten musste; ich sah in ihm den Partner, mit dem man eine neue Zukunft für beide Völker hätte bauen können. Ich war sein Freund. So wie Hamlet über seinen Vater sagte: "Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem; ich werde nimmer seinesgleichen sehn."

taz Nr. 7512 vom 12.11.2004, Seite 3, 177 Zeilen (Portrait), URI AVNERY

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URI AVNERY wurde 1923 in Westfalen geboren und wanderte mit seiner Familie 1933 nach Palästina aus. Als Chefredakteur der Wochenzeitung Diese Welt kritisierte er seit 1950 die offizielle israelische Politik. Von 1965 bis 1973 saß er als unabhängiger Abgeordneter in der Knesset und hielt dort etwa 1.000 Reden. Unter den Auszeichnungen, die er erhielt, war 2001 der Alternative Nobelpreis. Eine internationale Sensation war, als Avnery am 3. Juli 1982, mitten in Israels Schlacht zur Vertreibung der PLO aus dem Libanon, die feindlichen Linien überschritt und als erster Israeli mit dem Erzfeind, PLO-Führer Jassir Arafat, in Beirut zusammentraf. Zuletzt besuchte Avnery am 7. August 2004 Arafat in Ramallah.

taz Nr. 7512 vom 12.11.2004, Seite 3, 10 Zeilen (Portrait)

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